Die einzig passende Definition auf Wikipedia für die Art von Pitch, um die es hier gehen soll, beschreibt den Agenturpitch. Demnach dient der Pitch einem Unternehmen als Entscheidungshilfe, welcher Werbeagentur es seinen Etat zur Verfügung stellen soll. Dafür erhält es in einem bestimmten Rahmen eine Bandbreite von Ideen zu unterschiedlichen Kommunikationsstrategien. Die Plattform Werbeagentur.de gibt Auskunft darüber, wie ein solcher Pitch zu organisieren ist und bietet gleichzeitig die Möglichkeit für Unternehmen an, den Pitch über ein Formular direkt durchzuführen. Die Rahmenbedingungen sind äußerst interessent: Ein exaktes Briefing, ausführliche Basisinformationen für alle Teilnehmer, Auskünfte über vorhandene Budgets, ein gut organisierter Zeitrahmen, objektive, von Anfang an bekannte Bewertungskriterien für eine garantierte (!) Auftragsvergabe gehören ebenso dazu wie eine (zumindest symbolische) Aufwandsentschädigung. Fairplay sowieso. Im Gegensatz zu einem Architekturwettbewerb sind diese Rahmenbedingungen nirgendwo festgeschrieben. Unter Architekturwettbewerb ist bei Wikipedia aufgeführt, welche staatlichen Instanzen für die Formulierung des rechtlichen Rahmens verantwortlich sind. Der Begriff Design ist bekanntlich rechtlich nicht geschützt. Daran mag es auch liegen, dass es für einen Agenturpitch keine rechtlichen Rahmenbedingungen gibt, sondern nur ein paar gut gemeinte Hinweise. Aber wir sind ein Designbüro und keine Werbeagentur.

Was macht eine Agentur aus? Es soll hier wieder genügen, Wikipedia danach zu fragen. In einer Agentur werden Interessen von anderen Personengruppen vertreten. In der Tat, als Produktdesignbüro vertreten wir die Interessen vieler verschiedener Personengruppen, z.B. die des Auftraggebers, die der Zielgruppen und der Nutzer, die des Fertigungsbetriebes, vielleicht auch die des Gesetzgebers und und und. Es sind viele Personen. Aber wir bringen nicht nur Personen und deren Interessen zusammen. Wir generieren auch tatsächliche Informationen, Daten, Werte und Qualitäten, wie zum Beispiel Handlungsszenarien, Fertigungsanweisungen und konkrete dreidimensionale Formen. Natürlich sind diese Ergebnisse gleichermaßen die Resultate der verschiedenen Interessen. Es sind nicht nur Möglichkeiten sondern sie haben eben auch eine ganz konkrete Substanz. Man könnte jetzt noch nachlesen unter “Kreativität” und käme dann auf “Problemlösung” oder “Neues hervorbringen”. Fakt ist, dass ein Designbüro beides tut: Hervorbringen und Vermitteln. Werbeagenturen tun dies ja auch. Sie entwickeln Kommunikationsstrategien und konkrete Maßnahmen für deren Realisierung. Nun, man muss den Wert einer solchen Arbeit wohl kaum noch erläutern, oder doch?

Ob ein Designbüro eine echte Agentur ist oder nicht, ist letztlich egal. Die Praxis des Agenturpitches ist im Design schon lange angekommen, ob es uns gefällt oder nicht. Nur darf ein Pitch nicht zu einer Quelle kostenloser Ideen werden. Viele Wettbewerbe werden schon dafür missbraucht. Bei Werbeagentur.de heißt es: “Ziel [des Pitches] ist eine für beide Parteien erfolgreiche und zufrieden stellende Zusammenarbeit, die kurz- oder langfristig ausgerichtet ist und auf einer vertrauensvollen Partnerschaft basiert.” Das Unternehmen möchte den richtigen Partner finden und sich absichern, dass es nicht die Katze im Sack kauft. Irgendwie verständlich. Wie aber sollen umgekehrt die Designbüros und Agenturen das Vertrauen in den Auftraggeber gewinnen, wenn dieser sich nicht an die ungeschriebenen Regeln des Pitches hält? Wie soll eine solche Zusammenarbeit aussehen, wenn die Ernsthaftigkeit der Absicht nicht erkennbar ist? Wenn eine Aufwandsentschädigung zum Standard würde, dann könnte jedes Büro immer noch selbst entscheiden, wieviel Arbeit ihm diese “symbolische” Bezahlung wert ist. Die Einhaltung dieser und anderer Rahmenbedingungen muss unbedingt eingefordert werden, denn alles andere schadet der gesamten Branche. Ganz offensichtlich darf man eben doch nicht müde werden, den Wert und die Wirkung von Design zu erklären.